19. August 2001 News Review

´Sunday Times´ zum Fall Hayman (AZT, Brink)
[Meine Übersetzung vom 31.08.01]
engl. Originaltext

Südafrikas Präsident Mbeki sagt, daß die AIDS-Medikamente nicht funktionieren. Nun werden sich zwei Gerichtsverfahren mit seinen umstrittenen Zweifeln befassen, schreibt Margarette Driscoll.

Urteil zu AIDS

James war ein "Solicitor" [mehr beratender als prozessierender Anwalt] in Ladysmith, einer heißen, trockenen,ländlichenStadt in der südafrikanischen Provinz Kwazulu-Natal. Er war ein ruhiger Mann, reserviert, nachdenklich und sensibel, "aber in seiner eigenen Art humorvoll, ein Gentleman", sagt seine Witwe Annet.

Sie heirateten 1994, als James 36 Jahre alt war. Ungefähr zur gleichen Zeit eröffnete er seine eigene Ein-Mann-Kanzlei. Anfangs war er fit und gesund - zu Beginn ihrer Beziehung verbrachten sie einen beträchtlichen Teil ihrer gemeinsamen Zeit mit Laufen - aber wenige Jahre später schien er ständig müde zu sein. Annet war nicht übermäßig beunruhigt. Sie dachte, daß die Belastungen, ein Unternehmen ganz allein zu führen, plus die Ankunft eines neuen Babys (ihr Sohn David, heute 6 Jahre alt), ihren Tribut forderten.

1998 war James tot, wie es schien ein weiteres Opfer der HIV- und AIDS-Seuche, die durch Südafrika fegt. Er war 1997 zum Arzt gegangen, weil er glaubte er könnte die "Yuppie Grippe" haben, aber Tests enthüllten, daß er den menschlischen Immunschwächevirus in sich trug, den Vorboten von AIDS. [nicht vergessen, dies ist ein Artikel der Mainstream-Presse!) Als die Diagnose bestätigt wurde, wurde er mit AZT behandelt, dem anti-retroviralen Standardmedikament, das HIV-Infizierten verabreicht wird. Aber seine Witwe ist überzeugt, daß es das Medikament, und nicht sein HIV-Status war, das seinen Tod beschleunigte, und sie verklagt Glaxo Wellcome Südafrika, den Importeur des Medikaments, auf [umgerechnet ca.] 250.000 DM Schadensersatz.

Dieser Fall, der Anfang nächsten Jahres vor Gericht verhandelt werden dürfte, wird vorgebracht vor dem Hintergrund einer vernichtenden Krankheit in Südafrika und einer wütenden nationalen und internationalen Debatte über die Haltung der Regierung, der eigenen Bevölkerung teure anti-retrovirale Medikamente vorzuenthalten.

Präsident Thabo Mbeki hat sich mit AIDS-"Dissidenten" verbündet, einer uneinheitlichen Gruppe von Patienten, Wissenschaftlern und Journalisten [falsch, auch nicht persönlich betroffene Laien, wie z.B. der Übersetzer und Betreiber dieser Webseite sind beteiligt], die die orthodoxe Wissenschaft von AIDS und die Sicherheit der Medikamente, mit denen AIDS behandelt wird, in Frage stellen.

Einige glauben, daß HIV existiert, aber nicht AIDS verursacht; andere daß HIV nicht existiert (nach Jahren der Forschung steht die Identifierung des Virus selbst durch die Wissenschaftler immer noch aus, man weiß nur daß ein Patient Antikörper produziert). Die Sicht der Dissidenten wird von der gewaltigen Mehrheit der orthodoxen Wissenschaftler verachtet. Mbeki ist der erste Führer, der den Argumenten überhaupt Glaubwürdigkeit zuerkannte, und er wurde deshalb durchweg verurteilt. Im Oktober 1999 verursachte er Aufsehen, als er Überprüfungen der Sicherheit von AZT anordnete, und sagte, daß AZT "eine Gefahr für die Gesundheit" sein könnte.

Gemäß den UN sind die Auswirkungen von AIDS in Südafrika brutaler als sonst irgendwo in der Welt. Es wird angenommen, daß ungefähr 4,7 Millionen HIV-infiziert sind, und die Zahl steigt weiter an. Die Krankheit tötet jede Woche 5.000 Südafrikaner; bis 2010 wird die Lebenserwartung um 20 Jahre gesunken sein.

Kritiker sagen, daß Mbeki´s Zweifel am Zusammenhang zwischen HIV und AIDS zu Verwirrung und Mißtrauen geführt hat. Dr. Mantombazana Tshabalala-Msimang, die Gesundheitsministerin, hat genausoviel Zeit als Feuerwehrfrau wie als Taktikerin zugebracht, und die Beliebtheitswerte des Präsidenten sind von 70% auf 50% gefallen, da die Bevölkerung begonnen hat, ihn für das Vorenthalten von Medikamenten vom Typ AZT verantwortlich zu machen. Als eine Folge davon hat Mbeki seine Position angepaßt, und argumentiert nun, daß die Regierung ihr Bestes tue angesichts der Kosten dieser Medikamente.

Letztes Jahr billigte die Regierung 18 Pilot-Studien in Südafrika, um die Wirksamkeit von AZT und Nevirapin zu untersuchen, um Mutter-zu-Kind-Infektionen zu verhindern. Aber die Treatment Action Campaign (TAC) ("Behandlungs-Aktions-Kampagne"), eine Allianz von 100 Kinderärzten, glaubt daß dies nicht genug sei, da die Pilotprojekte nur 10% der Mütter in vorgeburtlichen Klinken erfassen, und jedes Jahr 60.000 Babys infiziert geboren würden.

Nächste Woche wird die TAC Anträge beim High Court in Cape Town einreichen, mit dem Ziel, die Regierung zu zwingen, das Programm landesweit auszudehnen. Die TAC glaubt, daß dies das Leben von bis zu 20.000 Babys pro Jahr retten könnte. Demnächst werden also vor südafrikanischen Gerichten zwei Klagen verhandelt werden, eine Anti-AZT, und eine Pro. Der Haymann-Fall wird enormes Interesse hervorrufen, nicht nur weil Mbeki in den Schriftstücken genannt wird, sondern auch weil Anthony Brink, der Anwalt [der Witwe] für diesen Fall, mitverantwortlich für die Auffassungen von Mbeki ist.

Mehrere Monate vor Mbekis Stellungnahme zu AZT im Jahr 1999 hatte Brink, dessen Interesse an HIV, AIDS und AZT aufgrund der fortschreitenden Krisensituation um ihn herum geweckt worden war, einen Essay in einem südafrikanischen Magazin verfaßt, in dem er seine Zweifel an dem Medikament skizzierte. Es ist klar, daß Mbeki diesen Artikel gelesen hatte (Offizielle aus dem Ministerium riefen Brink an, um einige Punkte zu klären). Das Verfahren Hayman könnte sich als ein Testfall für die Entscheidung erweisen, ob AZT in Südafrika in breiterem Umfang verfügbar gemacht wird oder nicht.

Brink glaubt, daß der Fall Hayman die behaupteten Mängel des Medikaments einwandfrei illustrieren wird. Hayman war ein eher untypisches Opfer. Die meisten Menschen in Südafrika, die mit HIV infiziert sind, sind arm und schwarz. Hayman war weiß und gehörte der Mittelklasse an. Als der Bluttest ein positives Ergebnis ergab, löste das sowohl in ihm als auch seiner Frau Annet große Verwirrung aus. "Es war der Schock meines Lebens", sagt sie. "James sagte ´ich weiß nicht wie ich es bekommen habe. Wie kann das möglich sein?´"

Kurz danach wurde ihm geraten, eine hohe Dosis AZT in Kombination mit einem verwandten Medikament, 3TC, zu nehmen. Trotz seiner Müdigkeit war James gesund. Aber gemäß den dem Gericht vorgelegten Schriftstücken: "Die AZT-Behandlung machte den Verstorbenen sehr krank, verursachte hartnäckige Diarrhöe und Erbrechen, intensive Kopfschmerzen, tiefe Mattigkeit, Anämie, Muskelschwäche."

Er war so beunruhigt, daß er versuchte, auf eine niedrigere Dosis umzustellen, und die Tabletten für einen Monat auf zwei Monate streckte. Aber er erholte sich nie mehr. Bald war er bettlägerig und unfähig zu sprechen.

"In seinen letzten Monaten wurde er drei Mal im Krankenhaus behandelt. Er wurde auf jeden denkbaren Erreger getestet, aber es wurde keiner gefunden," sagt Brink. "Das sagt mir, daß ihn die Toxizität des Medikaments getötet hat."

Wie die Chemotherapie bei Krebs, die häufig furchtbare Nebenwirkungen hervorruft, wirkt auch AZT nicht spezifisch [ also auch auf die gesunden Zellen]. Obwohl die Dissidenten seit langem Zweifel hinsichtlich der Sicherheit vorgebracht haben, ist AZT in mehr als 100 Ländern zum Gebrauch zugelassen, eingeschlossen die Vereinigten Staaten.

Glaxo Wellcome sagte, sie würden den Fall verteidigen. Sie glauben, es sei höchst unwahrscheinlich, daß AZT Nebenwirkungen viele Monate nach Einnahme verursacht. Der einzige vergleichbare Fall, der in Großbritannien von der Witwe eines 1991 verstorbenen Hämophilen vorgebracht wurde, wurde vor 18 Monaten zurückgezogen bevor er verhandelt wurde.

AIDS-Dissidenten verfolgen den Fall mit Interesse. "Glaxo Wellcome ist die unmittelbare Zielscheibe, aber das wirkliche Ziel dieser Klage sind die Wissenschaftler," sagte Nigel Edwards von Continuum, einem Internet-Magazin [falsch, Continuum ist ein normales Magazin mit Internet-Präsenz], das sich der Dissidenten-Literatur verschrieben hat. "Um aufzuzeigen, wie AZT funktioniert, werden sie Wissenschaftler finden müssen, die vor Gericht auftreten und zunächst beweisen, das HIV existiert. Dies ist die Sorte von Fall, auf die Dissidenten seit Ewigkeiten gehofft haben. Mbeki ist der erste, der im Internet gesurft und seine Berater umgangen hat. Er weiß, daß seine Offiziellen ihn mit der orthodoxen Sichtweise versorgen - die nicht notwendigerweise richtig ist."

AZT wurde als Wundermedikament angepriesen, als es in den 80er-Jahren erstmals auf den Markt kam. Medizinwissenschaftler wurden von Schwulen-Aktivisten belagert, die um irgendetwas bettelten, was die Auswirkungen von AIDS mildert, und der frühe Erfolg war schwankend wegen der hohen Dosen, die damals verschrieben wurden. Mit der Zeit wurde dies modifiziert, indem man AZT in einen Cocktail mit anderen Medikamenten vermischt.

"Die Veränderung ist wirklich ganz dramatisch," sagt Professor Brian Gazzard, klinischer Forschungsdirektor der HIV-Abteilung im Chelsea und Westminster Krankenhaus in London.

"In den frühen Tagen starben hier 40 Menschen pro Monat. Nun sind es 40 pro Jahr. Wenn ich vor 10 Jahren jemandem mitteilte, daß er HIV-positiv ist, sagte ich damit gleichzeitig, daß er im Begriff sei zu sterben. Nun kann ich helfen. Ich habe überhaupt keine Zweifel an der Sicherheit und Wirksamkeit von AZT." [Eine seltsame Logik: Weil jetzt weniger Patienten sterben als unter der AZT-Monotherapie, ist AZT wirksam und sicher?!]

Interessanterweise und anders als die meisten seiner Kollegen hegt Gazzard viel Sympathie für Mbeki. "Er ist ein intelligenter und denkender Mann," meint er. "Was er wirklich sagt ist, daß AIDS seine Wurzeln in der Armut hat. AIDS blüht dort, wo auch die Armut blüht. Es wäre aufrichtiger wenn er sagen würde ´Sorry, wir können uns die Medikamente nicht leisten.´ Würde er sagen, daß sauberes Wasser Vorrang hat, wäre es viel schwieriger ihm zu widersprechen."

"Wenn jeder Mensch in der westlichen Welt auf eine einzige Kinokarte pro Jahr verzichten und den Betrag spenden würde, könnten wir die Perspektiven des ganzen [afrikanischen] Kontinents drastisch verbessern."

Über diese Perspektiven muß nun im Gerichtssaal entschieden werden. Das Ergebnis könnte für die Lebensqualität der Armen Südafrikas für viele Jahre entscheidend sein.


Zur Person und AIDS-Politik Mbekis
Bericht von Mbekis AIDS-Expertenkommission
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